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22.04.2007


    
SETI: Es geht um die Stellung des Menschen im Universum

"Unsere Signale füllen mittlerweile eine Kugel mit einem Radius von 100 Lichtjahren"

"Gegenwärtig hält die Mehrheit der Wissenschaftler SETI nicht für besonders interessant" von Hans-Arthur Marsiske, 21.04.2007

Claudio Maccone, stellvertretender Leiter der "SETI Permanent Study Group" über die Suche nach Außerirdischen in Europa

Als Mitarbeiter des italienischen Raumfahrtkonzerns Alenio Spazio hat Claudio Maccone 20 Jahre lang an verschiedenen Weltraummissionen mitgearbeitet. Besonderen Ruhm hat ihm aber vor allem eine Mission eingebracht, die bislang noch gar nicht geflogen ist: Im Mai 1993 unterbreitete er der Europäischen Weltraumorganisation Esa formell den Vorschlag für "Focal", eine Raumsonde, die in einer Entfernung von 550 Astronomischen Einheiten (AU = Astronomical Unit) die Verstärkung elektromagnetischer Wellen durch die solare Gravitationslinse ausnutzen soll. Wie jede große Massenkonzentration beugt die Sonne durch ihre Schwerkraft elektromagnetische Strahlen und konzentriert sie, ähnlich einer optischen Linse, in einer bestimmten Entfernung. Ein Effekt der den Astronomen geholfen hat, Objekte jenseits des direkt beobachtbaren Universums zu identifizieren und die Masse unsichtbarer Galaxien zu bestimmen.

Focal ist ein sehr ehrgeiziges Vorhaben: Eine AU entspricht der mittleren Entfernung Erde-Sonne, das sind etwa 150 Millionen Kilometer. Um 550 AU zu überwinden braucht das Licht über drei Tage. Voyager 1, die bislang am weitesten geflogene Raumsonde, hat seit ihrem Start im Sommer 1977 gerade mal etwas über 100 AU zurückgelegt. Die Technologie, um eine Sonde in einer vertretbaren Zeitspanne zum Brennpunkt der solaren Gravitationslinse zu schicken, ist noch nicht entwickelt. Doch die Vision war der International Astronomical Union (IAU) eine besondere Ehrung wert: Am 2. September 2001 benannte sie den Asteroid 11264 Claudiomaccone und hob als Begründung insbesondere den Vorschlag für die Focal-Mission hervor.

Seit Oktober 2000 ist Maccone stellvertretender Vorsitzender der SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) Permanent Study Group bei der International Academy of Astronautics, die die Suche nach Signalen außerirdischer Intelligenz koordiniert. Nachdem er Ende 2004 seine Arbeit bei Alenia Spazio beendet hat, widmet er seine ganze Zeit schwerpunktmäßig dieser Forschung und dürfte damit der prominenteste SETI-Forscher Europas sein. Als Maccone Mitte März bei der Bremer Konferenz To Moon and beyond über Radarbeobachtungen des Mondes im Rahmen der Smart-1-Mission berichtete, erwähnte er dabei auch SETI, allerdings auffallend defensiv.

"Unsere Signale füllen mittlerweile eine Kugel mit einem Radius von 100 Lichtjahren"

"Herr Maccone, als Sie in Ihrer Präsentation über Beobachtungen der Mond-Ionosphäre das SETI-Projekt erwähnten, glaubte ich, ein Zögern zu spüren. Habe ich mich getäuscht?"

Claudio Maccone: Das Zögern hat damit zu tun, dass die große Mehrheit der Wissenschaftler SETI für nicht besonders interessant hält. Die Suche nach außerirdischer Intelligenz ist als wissenschaftliches Projekt zwar grundsätzlich anerkannt, wird aber gegenwärtig nur von sehr wenigen Forschern aktiv betrieben. Vor zehn, zwanzig Jahren waren es noch viel mehr.

"Haben Sie eine Erklärung für dieses geringe Interesse?"

Claudio Maccone: SETI erfordert sehr langfristige Perspektiven in vielen verschiedenen Disziplinen. Es geht dabei um galaktische Strukturen, Eigenschaften von Planeten, die Bedingungen für die Entwicklung von Leben und vieles mehr. Viele Wissenschaftler konzentrieren sich aber eher auf sehr enge Spezialgebiete, besonders in den Ingenieurwissenschaften, und denken nicht über mögliche andere Zivilisationen nach. Aber bedenken Sie, dass die Erde seit ungefähr 100 Jahren Radiowellen ausstrahlt. Unsere Signale füllen mittlerweile eine Kugel mit einem Radius von 100 Lichtjahren. Innerhalb dieser Kugel gibt es mehrere tausend Sterne. Bei einem von ihnen mag sich eine Zivilisation entwickelt haben, die unsere Signale empfangen kann. Warum also drehen wir die Situation nicht um, und suchen mit unseren Radioteleskopen nach Hinweisen auf andere Zivilisationen? Das ist die Idee von SETI.

"Diese Suche und die damit verbundenen Aktivitäten werden vor allem vom SETI-Institut in Mountain View, Kalifornien, betrieben. Gibt es daneben überhaupt noch andere Forschungen?"

Claudio Maccone: Ja, die gibt es. Natürlich ist das privat finanzierte SETI-Institut die erste Adresse auf diesem Gebiet, nachdem das SETI-Programm der Nasa 1993 durch den US-Kongress gestoppt wurde. Geforscht wird aber auch anderswo. Australien hat ein sehr gutes SETI-Programm, bei dem auch das 64-Meter-Radioteleskop in Parkes genutzt wird. Auf der Südhalbkugel betreibt außerdem Argentinien mit einem Radioteleskop bei Buenos Aires die Suche nach außerirdischer Intelligenz. Dieses Projekt "Beta" (Billion-channel Extraterrestrial Array) wird finanziert durch die Planetary Society und geleitet von Paul Horowitz an der Harvard University. Für die Nordhalbkugel nutzt es die 26-Meter-Antenne bei Boston.

"Wie sieht es in Europa aus?"

Claudio Maccone: In Europa ist gegenwärtig nur Italien aktiv an der Suche beteiligt. Das ist ziemlich überraschend, denn wir haben auch in anderen Ländern sehr gute Radioteleskope. Das fantastische 100-Meter-Teleskop in Effelsberg bei Bonn ist noch nie für SETI genutzt worden! Frankreich hat ein großartiges Instrument in Nancy, hat die Suche aber nach kurzer Zeit wieder eingestellt, nachdem der leitende Wissenschaftler starb. Das berühmte Jodrell-Bank-Observatorium in Großbritannien hat einmal ein SETI-Projekt unterstützt. Dabei wurden Signale, die das US-amerikanische Arecibo-Teleskop empfangen hatte, überprüft, um auszuschließen, dass sie von künstlichen Erdsatelliten stammten. Eine eigene, aktive Suche hat es nie gegeben. In Russland gibt es mehr Interesse an SETI, dafür fehlt es am Geld. Die dortigen Radioteleskope sind mehrmals für Sendungen zu nahe gelegenen Sternen vermietet worden.

Es geht um die Stellung des Menschen im Universum

"Vor wenigen Monaten hat auch der europäische Fernsehsender Arte ein Programm in Richtung des Sterns Gamma Cephei ausgestrahlt. Ist diese aktive Suche in der SETI-Gemeinde nicht ziemlich umstritten?"

Claudio Maccone: Ja, viele sind der Ansicht, wir sollten uns vorerst aufs Lauschen beschränken. Wir wissen ja nicht, ob möglicherweise existierende Zivilisationen uns freundlich gesonnen sind oder nicht. Wir können aber davon ausgehen, dass sie uns technologisch weit voraus sind. Schließlich haben wir erst seit 50 Jahren die für interstellare Kommunikation erforderliche Technologie, in galaktischen Zeitmaßstäben ist das ein Augenzwinkern.

"Befürchten Sie auch, wir könnten mit zuviel Sendeaktivität womöglich blutgierige Monster auf uns aufmerksam machen?"

Claudio Maccone: Nein, ich glaube, wir werden ihnen ziemlich egal sein. Zwischen Menschen und Insekten gibt es ja auch nicht viel Austausch. Aber das ist nur eine Meinung. Wir wissen es einfach nicht. Dennoch bin ich inzwischen der Meinung, wir sollten senden. Es zwingt uns, über die möglichen Konsequenzen nachzudenken und rückt die mögliche Existenz anderer Zivilisationen damit stärker ins Bewusstsein.

"Wenn die Aliens uns höchstwahrscheinlich weit voraus sind, ist das Nachdenken über sie immer auch ein Nachdenken über die mögliche Zukunft der Menschheit. Eigentlich ein spannendes Forschungsfeld für die Geisteswissenschaften. SETI scheint dort aber bislang kaum wahrgenommen zu werden."

Claudio Maccone: Dabei sind Außerirdische für Anthropologen und Philosophen hoch interessant. Es geht schließlich um die Stellung des Menschen im Universum. Sind wir einzigartig, selten oder etwas ganz Gewöhnliches? In den letzten Jahren hat es viele Diskussionen und neue Erkenntnisse über habitable Zonen in Planetensystemen gegeben. Das sind die Bereiche, in denen die Umlaufbahnen der Planeten liegen müssen, damit sich Leben auf ihnen entwickeln kann. Ähnliche Annahmen können wir auch für Galaxien treffen. Ich habe erstmals Ende der achtziger Jahre in Russland von dieser Theorie des galaktischen Lebensgürtels gehört. Demnach ist die Sonne ein sehr glücklicher Stern, denn sie bewegt sich ziemlich genau im Korotationszirkel der Milchstraße um deren Zentrum, und hält dadurch stets die gleiche Distanz zu den vor und hinter ihr liegenden Spiralarmen mit lebensfeindlicheren Bedingungen. Wir sind noch weit davon entfernt, solche Theorien empirisch prüfen zu können. Vorläufig ist das Philosophie.

"Haben Sie eine persönliche Schätzung für die Zahl der Zivilisationen in unserer Galaxie?"

Claudio Maccone: Das ist eine schwierige Frage. Diese Schätzungen beruhen in der Regel auf der berühmten Drake-Formel, die ich, bei allem Respekt für Frank Drake, für eine sehr grobe mathematische Annäherung an das Problem halte. Sie geht zum Beispiel von einer Gleichverteilung der Zivilisationen in einer Galaxis aus -- wie wir gerade gesehen haben, eine fragwürdige Annahme. Wir brauchen also dringend eine verfeinerte Version dieser Formel, aber bislang war niemand in der Lage, sie zu entwickeln.

"In dem gerade erschienenen Buch ´Contact with Alien Civilizations´ schreibt der Amerikaner Michael A. G. Michaud, die SETI-Gemeinde hätte die Möglichkeit eines direkten Kontakts mit außerirdischen Sonden oder Raumschiffen zu wenig beachtet und dieses Gebiet fast ausschließlich der Science Fiction überlassen."

Claudio Maccone: Das stimmt sicherlich. Es ist ein schwieriges Gelände, auf dem sich zahllose Ufo-Fantastiker und Verschwörungstheoretiker tummeln. Die interstellare Raumfahrt ist ein ziemlich junges Forschungsgebiet, wir beginnen erst seit Einstein sie zu verstehen. Relativität ist der Schlüssel dazu. Die spezielle Relativitätstheorie ist experimentell gut bestätigt, aber die allgemeine Relativitätstheorie enthält noch viele offene Fragen, die die Möglichkeiten interstellarer Raumfahrt direkt betreffen. Der NASA war das Thema ernst genug, um sich von 1996 bis 2001 im Rahmen des von Marc Millis geleiteten BPP-(Breakthrough Propulsion Physics)-Programms damit zu beschäftigen. Ich denke, wir werden die von Michaud aufgeworfene Frage erst dann schlüssig beantworten können, wenn es gelungen ist, allgemeine Relativitätstheorie und Quantentheorie miteinander zu vereinen. Ich möchte aber noch einen Gesichtspunkt hervorheben: Wenn sich außerirdische Raumschiffe in unserer Nähe aufhalten sollten, würden sie wahrscheinlich untereinander und mit ihrer Heimatwelt kommunizieren. Bisher kennen wir nur die Möglichkeit, mithilfe elektromagnetischer Wellen über interstellare Distanzen zu kommunizieren. Für eine direkte Verbindung wären dafür aber riesige Antennen erforderlich. Die Außerirdischen würden daher wahrscheinlich eine Funkstation im Brennpunkt der solaren Gravitationslinse stationieren, auf einer Linie mit ihrem Heimatstern, der mit seiner Schwerkraft ebenfalls die Funksignale verstärkt. Wenn wir nach fremden Raumschiffen suchen wollen, dann hier.

Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/2...

Ein Astro-Witz dazu:

Treffen sich 2 Planeten, sagt der eine zum anderen: "Du siehst aber schlecht aus".

Antwortet der: Ich habe Homo Sapiens"

"Ach, das macht nichts, das geht von alleine wieder weg ..."

Externe Links

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25056/1.html

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