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26.06.2005


    
Interessenkonflikte beim "Krieg der Welten"

Wie Hollywood mit den Medien umspringt

Interessenkonflikte beim "Krieg der Welten"

Medienhandbuch.de am 21.6.05:

«Krieg der Welten»: massiver Vorab-Maulkorb für Filmkritiker

>Sie haben noch keine Kritik zu Krieg der Welten gelesen? Immerhin startet der Film bereits am nächsten Mittwoch in Deutschland. Der Grund dafür ist einfach: es darf noch keine Kritiken zu Krieg der Welten geben! Journalisten, die eine der Pressevorführungen besuchen wollen, müssen schriftlich versichern, daß Besprechnungen erst am 29. Juni veröffentlicht werden, ansonsten drohen exorbitante Schadensersatzforderungen durch den deutschen Filmverleih UIP. So muß dahingestellt bleiben, ob die Invasion der Außerirdischen die Feder der Filmkritik zu fürchten hätte. Dass der Filmverleih mit dieser Maßnahme jedoch ein Eigentor geschossen hat, scheint schon jetzt festzustehen. Schon mokieren sich einflußreiche Blätter wie ´Die Welt´ oder ´Der Spiegel´ über die Pressezensur und der Verband der Filmkritik denkt über Protestmaßnahmen nach. Schließlich geht es hier auch um Grundsatzfragen, wie die freie Berufsausübung und die Pressefreiheit, die unter dem Mäntelchen der Copyright-Ausübung mit Füßen getreten werden. Mal sehen, wer zuerst das Verbot bricht.<

Schon zur Berliner Premieren-Vorführung des Spielberg-Streifen gab es für die Presse einen bindenden Schweigevertrag - wer den Film vorab sehen wollte, dürfte darüber dann aber vor dem offiziellen Kinostart dazu nichts berichten. Daraus ergab sich dann selbst ein Medienthema. Spiegel.Online sprach von einem "Maulkorb für die Kritiker" als man dort eine AP-Meldung diesbezüglich aufgriff:

>Bislang erfüllte Filmkritik immer auch die Funktion des Frühwarnsystems. Bei Steven Spielbergs "Krieg der Welten" soll es jedoch ausfallen: Studio und Verleih wollen die Vorab-Berichterstattung strikt unterbinden, erst ab dem Starttag dürfen Rezensionen erscheinen. Kritiker und Kinobesitzer sind erbost.

Frankfurt/Main - Weltweit startet am 29. Juni Steven Spielbergs neuer Film "Krieg der Welten". Auch in Deutschland findet an diesem Tag die Invasion feindlich gesinnter Außerirdischer statt. Ob das Spektakel gelungen oder missraten ist, sollen die Filmkritiker dem Publikum allerdings gezielt erst am Tag des Kinostarts oder gar später anvertrauen dürfen. Denn kein Teilnehmer der ohnehin äußerst kurzfristig vor dem Starttermin angesetzten Pressevorführungen darf den Film vorab einer Kritik unterziehen, ohne juristische Folgen zu riskieren. Wer sein Einverständnis zu dieser ungewöhnlichen Beschränkung kritischer Berichterstattung verweigert, soll vom Besuch der zahlreichen Pressevorführungen in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main und München ausgeschlossen bleiben - so will es ausdrücklich die in der Mainmetropole ansässige Verleihfirma UIP. Doch stößt dieses Vorgehen auf erhebliches Unverständnis nicht nur unter den unmittelbar betroffenen Filmjournalisten der verschiedenen Medien.

Auch eine Vertreterin von UIP selbst zeigte sich im AP-Gespräch nicht glücklich über das Vorgehen ihres Unternehmens. Sie verwies aber darauf, dass sowohl die den Spielberg-Film produzierenden Paramount-Studios in Hollywood wie auch die Filmemacher selbst zur Bedingung gemacht hätten, "Krieg der Welten" nicht vor dem offiziellen Weltstart am 29. Juni der Kritik auszusetzen. Peter Sundarp, Vorstandsmitglied im Verband der Filmverleiher, hat seine private Meinung zu dem Konflikt. Offiziell will er aber keine Stellung nehmen: "Das ist ausschließlich Sache der einzelnen Mitglieder unseres Verbandes." Andreas Kramer, Geschäftsführer der Kinobesitzervereinigung HDF in Berlin, findet die Geheimniskrämerei um das neue Spielberg-Werk "nicht klug" und bekennt: "Ich kann das nicht nachvollziehen." Beim Verband der deutschen Filmkritik wird derzeit noch diskutiert, wie auf die berufliche Einschränkung reagiert werden soll. Die Saarbrücker Journalistin Andrea Dittgen kündigt für ihre Organisation aber "auf jeden Fall Proteste" an. Die Filmkritiker fürchten einen Präzedenzfall, wenn es UIP auf Druck Hollywoods gelingen sollte, Journalisten zur Abgabe einer Unterschrift zu nötigen, nicht vor dem 29. Juni über die Qualität von "Krieg der Welten" zu berichten. Wer die Unterschrift leistet, gleichwohl aber vorab kritisiert, riskiert hohe Schadensersatzforderungen. Die umstrittene Intervention könnte jedoch zum Eigentor werden - aus dem Leinwand-Krieg könnte eine Schlacht um die Freiheit der Berichterstattung werden. Soll der Einfluss der Kritik auf den erhofften kommerziellen Erfolg von "Krieg der Welten" eingeschränkt werden? Oder geht es nur darum, dem Publikum ein Maximum an Überraschung zu bieten? Gelungene Filme haben das Urteil der Fachwelt jedenfalls nie scheuen müssen. Wolfgang Hübner, AP<

Die ´Freie Presse´ aus Sachsen am Sonntag, den 26.6.05:

>Medien umgehen Sperrfrist für «Krieg der Welten»/ Massive Angriffe auf den Filmverleih UIP zu erwarten

Berlin/Hamburg (ddp). Die «Welt am Sonntag» wird am Wochenende ungeachtet der vom Filmverleih UIP auferlegten Sperrfrist einen Bericht über den neuen Steven-Spielberg-Film «Krieg der Welten» drucken. «Wir machen einen großen Artikel über das Phänomen, Journalisten einen Maulkorb zu verpassen», hieß es am Freitag aus der Redaktion. Im Grunde sei der Text jedoch eine Rezension, in dem der Film «als nicht sehr gelungen» kritisiert werde. Der Autor komme in dem Artikel zu dem Schluss, dass «die Nervosität» der Verleihfirma sowie Spielbergs nur damit erklärt werden könne, dass der Film nicht gut sei und man im Vorfeld schlechte Mundpropaganda befürchtet habe.

Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» entschied am Freitag, am Montag einen Text zu drucken, der vor allem die Politik des Verleihs anprangert, den Film zum Teil aber auch beschreibt, wie der Leiter des Kulturressorts, Wolfgang Höbel, der Nachrichtenagentur ddp sagte. Darin sehe das Magazin «keinen klaren Verstoß gegen das Embargo». Die Politik des Verleihs sei «mies und nicht zu akzeptieren». Höbel betonte, «der Film kommt dabei ein bisschen unter die Räder». Der Filmkritiker des «Spiegels» sei eigentlich begeistert gewesen von «Krieg der Welten» und hätte das Werk «bejubelt». «Und genau das tut er jetzt nicht», sagte er. UIP verlangt von Journalisten, dass sie vor den Pressevorführungen am Montag eine Erklärung unterschreiben, keine Kritik vor dem Starttermin zu veröffentlichen. Der Verband der deutschen Filmkritik und der Deutsche Journalisten-Verband hatten dies scharf kritisiert.<

Und dann die "Welt am Sonntag", am 26.6.05:

Der Schuß, der nach hinten losging

>Bizarre PR-Auftritte und ein Maulkorberlaß für Journalisten: Tom Cruise und Steven Spielberg scheinen vor dem Kinostart von "Krieg der Welten" nervös zu sein. Zu Recht -

von Roland Huschke

Nicht nur in Hollywood wurde im Vorfeld des jüngsten Spielberg-Blockbusters zuletzt diskutiert, ob Tom Cruise endgültig verrückt geworden sei. Seit er die einflußreiche Medienberaterin Pat Kingsley durch seine Schwester Lee Anne Devette ersetzt hat, führt Cruise einen beispiellosen Werbefeldzug für die Sekte Scientology. Die internationale Presse lädt er zu Interviews gern ins "Celebrity Center" der sogenannten Kirche, wo er Kritikern und Prominenten Ratschläge erteilt. Kollegin Brooke Shields etwa riet er, während ihrer postnatalen Krise die Beruhigungsmittel abzusetzen - wäre sie Mitglied von Scientology, hätten sich die Depressionen gar nicht erst eingestellt. Doch damit nicht genug: Auf einmal gefiel sich der früher so penibel auf seine Privatsphäre bedachte 42jährige in der Rolle eines hormongesteuerten Teenagers, der auf allerlei roten Teppichen geradezu hysterisch das Verhältnis zur Schauspielerin Katie Holmes pries. Und hinter den Kulissen verheizte er als Co-Produzent der Fortsetzung "Mission: Impossible III" so viele Regisseure und Darsteller, daß sich selbst seine Finanziers zu öffentlichen Warnungen genötigt sahen.

Seither hat Cruise mehr mit der Kontrolle seiner Karriere zu tun, als es dem einst unschlagbaren Selbstdarsteller lieb sein dürfte. Denn daß es bei allen Auftritten vornehmlich um Werbung für "Krieg der Welten" ging, seine zweite Kollaboration mit Steven Spielberg, geriet in der Außenwirkung fast zur Nebensache. Über den Schauspieler Tom Cruise jedenfalls spricht schon seit langem kein Mensch mehr. Doch ohne die paranoide Atmosphäre eines Sci-fi-Filmes beschwören zu wollen, in dem sehr ahnungslose Leute von einer sehr kühl operierenden Maschinerie überrumpelt werden: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß den Machern von "Krieg der Welten" durchaus daran gelegen ist, wenn sich die Berichterstattung über ihr Werk bis zum weltweiten Parallelstart am kommenden Donnerstag auf Nebenkriegsschauplätze konzentriert. 135 Millionen Dollar hat der Film gekostet. Und bei einer Produktion dieser Größenordnung ist es inzwischen üblich, daß Mysterien beschworen werden und die PR einer Attacke gleicht.

Bei "Krieg der Welten" aber ergriff man derart ungewöhnliche Maßnahmen, daß schwere Nervosität und manipulative Arroganz als Motive vermutet werden dürfen. So gab es ausgewählte Interviews mit Steven Spielberg - jedoch nur für Kollegen, die den Film noch nicht gesehen haben konnten. Und als das Werk vor zwei Wochen in Japan und Berlin uraufgeführt wurde, mußten Pressevertreter eine Erklärung unterschreiben, die öffentliche Meinungsäußerungen bis zum Start untersagte. Ein Schuß der nach hinten losging: Ein Maulkorberlaß ist in einer Gesellschaft mit dem Recht auf Pressefreiheit nicht nur rechtlich und künstlerisch eine fragwürdige Entscheidung. Er hat in der Branche auch eine wütende Diskussion darüber in Gang gesetzt, warum mächtigen Multimillionären wie Cruise und Spielberg der Mumm fehlt, sich potentiellen Kritikern rechtzeitig zu stellen. In Kenntnis des fertigen Films läßt die Blockadehaltung allerdings nur auf eines schließen: auf Angst vor schlechter Mundpropaganda - eine berechtigte Angst.

Er habe den 1898 von H. G. Wells geschriebenen und 1938 von Orson Welles als Hörspiel inszenierten Stoff über eine Invasion von Marsianern neu aufgelegt, so Spielberg im Vorfeld, um das Gefühl der Bedrohung in den USA nach dem 11. September zu reflektieren. "Waren das die Terroristen?" fragt dann auch gleich zu Beginn von "Krieg der Welten" die kleine Tochter der Hauptfigur Ray Ferrier (Tom Cruise), als vor ihren Augen eine Kleinstadt dem Erdboden gleichgemacht wird. Das Publikum weiß es besser: Außerirdische Aggressoren, so beschwört im Prolog ein Erzähler (Morgan Freeman) den Ernst der Lage, haben es auf die Vernichtung der Menschheit abgesehen. Es ist ein einseitiger Krieg, in dem gigantische Metallmaschinen auf drei Beinen die Lufthoheit übernehmen. Doch die Darstellung der feindlichen Übernahme läßt den Regisseur nur selten zu beängstigenden Bildern finden. Zu künstlich wirken die schon aus weit billigeren Genrefilmen bekannten Spezialeffekte; zu übermächtig erscheint die Bedrohung, als daß in diesem Duell Spannung eintreten könnte.

Spätestens wenn die schlecht gelaunten Verwandten von E. T. zum vierten Male durch ein ohrenbetäubendes Jagdsignal angekündigt werden, weicht der Grundton der Klaustrophobie reiner Monotonie. Selbst Mitleid versagt uns der Regisseur: Da wir über keines der zahlreichen Opfer etwas erfahren, bleiben sie uns als Kanonenfutter so fremd wie die Toten in "Independence Day". Doch wo Roland Emmerich auf reines Entertainment setzt, verspricht Spielberg einen nachdenklichen Film, der "Millionen Menschen am gleichen Kinowochenende erschrecken soll". Eine Aussage, die allein der Autosuggestion geschuldet sein dürfte: Daß ausgerechnet diese schwachbrüstige Mär in Moll die nötige Kraft dazu haben soll, glaubt wohl selbst Spielberg nicht. Denn "Krieg der Welten" ächzt nicht zuletzt unter dem Anspruch, als Familienfilm funktionieren zu wollen - die Macher haben ihn allen Ernstes ihren Kindern gewidmet. Cruise wird überzeugend als geschiedener Rabenvater eingeführt, der in der Küche mehr Autoteile als Lebensmittel hortet und bestenfalls ein müdes Kopfschütteln seiner quengelnden Kinder erntet. Daß der Nachwuchs auch später das Lamentieren nicht läßt, obwohl links und rechts die Welt untergeht, führt dem Zuschauer die Schwächen des schematischen Drehbuchs schonungslos vor Augen: Die minderjährigen Mitläufer haben allein nervtötende Funktion; ständig bringen sie sich unnötig in Gefahr, um so das Beste aus Daddy herauszuholen. Man wünschte, Spielberg hätte seine geliebten Kids diesmal zu Hause gelassen und statt dessen ein paar Haudegen auf unmögliche Mission geschickt wie in "Der weiße Hai". Weil sein Film aber eben auch Minderjährige erreichen soll, weicht die Kamera dem Anblick von verstörenden Konflikten aus: Menschen sterben nicht, sie zerplatzen zu Staub. Und wenn Cruise seine Tochter vor einem Psychopathen schützen muß, schließt sich vor der Kamera die Tür.

Sehr gern hätte man die beiden Verantwortlichen gefragt, ob ihre Pacman-Verfilmung auf hohem Niveau eigentlich Ängste schüren oder letztlich lieber lindern soll. Aber offenbar muß man dieser Tage schon dankbar sein, für Kritik an ihrem Film nicht gleich verklagt zu werden.<


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