. Zurück C E N A P

19.01.2005


    
Auch das gehört zur Wahrheit

Vom Internet als Misthaufen und Gerüchteschleuder

Wie meinte Joseph Weizenbaum: Das Internet ist wie ein riesiger Misthaufen. Und eine Gerüchteschleuder, muss man hinzufügen: Ufo-Alarm, Gefahr durch Geheimbünde und die Vorhersagung des Weltuntergangs -- in der Gerüchteküche des Internet können Surfer die unglaublichsten Geschichten lesen. In keinem anderen Medium verbreiten sich Legenden und Unwahrheiten so schnell wie im Web. Dichtung und Wahrheit liegen dabei oft nur einen Mausklick voneinander entfernt: Neben seriösen Medien finden so auch Para-Wissenschaften oder antisemitische Verschwörungstheorien Gehör.



"Das Internet ist die Tummelwiese für Verschwörungstheoretiker, Weltuntergangsprediger und sonstige Paranoiker", sagt Frank Ziemann von der Technischen Universität (TU) Berlin, der auf der Seite www.hoax-info.de Falschmeldungen aus dem Netz auflistet. Den größten Teil machten dabei neben fälschlichen Virenwarnungen so genannte Großstadtmärchen (Urban Legends) aus: Vermeintliche Opfer erzählen Horror-Geschichten von gezielten HIV-Infektionen in bestimmten Discos, und selbst ernannte Experten warnen vor Asbest in Tampons. Solchen Unfug sollten Nutzer keinesfalls weiterverbreiten, warnt Ziemann.

Denn die Hoaxes sind längst kein Spaß mehr, sagt auch Stephan Ehlert aus Kiel, der unter www.hoaxbusters.de virtuelle Enten aufdeckt. Die massenhaften Kettenbriefe mit ihren sinnlosen Petitionen, Glücksversprechen und Fehlalarmen richteten sogar erheblichen Schaden an: "Einerseits kosten die Spam-E-Mails Arbeitszeit, zum anderen leidet durch sie die Glaubwürdigkeit der Webgemeinde", fürchtet Ehlert. Echte Gefährdungen gingen in der Menge der verbreiteten Falschmeldungen unter. Nutzer sollten dabei auf gefälschte Quellenangaben achten: Betrüger legten Ahnungslose mit falschen Absendernamen wie Bill Gates herein.

Nutzer mit viel Fantasie finden im Internet zudem eine rege konspirative Gemeinde, die an Mythen aller Art bastelt. Besonders seit den Anschlägen am 11. September 2001 in den USA haben im Netz Verschwörungstheorien Hochkonjunktur: So behaupten Eingeweihte, die entführten Flugzeuge seien vom US-Geheimdienst CIA ferngesteuert worden, und das Attentat erfülle eine Prophezeiung des Nostradamus. Aber auch Klassiker unter den Komplott-Gerüchten halten sich hartnäckig: Vermeintliche Augenzeugen erzählen das Märchen vom US-Luftwaffenstützpunkt "Area 51", in dem sich Außerirdische in Geheimlaboratorien befinden sollen. Angebliche Beweisbilder zeigen, dass die Mondlandung der Amerikaner lediglich in einem Filmstudio stattgefunden hat. Kritische Betrachter würden diese Fotos leicht als Montagen oder Fälschungen erkennen, dennoch ließen sich Gutgläubige immer wieder davon täuschen, sagt Ehlert.

Derartige Verschwörungstheorien habe es schon immer gegeben, durch das Internet erlebten sie allerdings eine Verbreitung wie noch nie in der Geschichte, sagt der Soziologe Prof. Hans-Jürgen Krysmanski, der an der Universität Münster zu diesem Thema forscht. In der heutigen globalen Welt seien konspirativen Legenden besonders verführerisch, denn sie geben einfache Antworten auf komplexe Fragen. Dabei seien Verschwörungsfantasien nicht nur unter fanatischen Spinnern verbreitet. "Letztlich steckt in jedem von uns die Sehnsucht, wissen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält", sagt Krysmanski. Viele Motive deckten sich mit dem Stammtischdenken der "kleinen Leute", hinter den Fassaden ziehe eine Elite die Fäden. So erlebt beispielsweise der Mythos um die im 18. Jahrhundert gegründete Geheimloge der Illuminaten im Internet derzeit ein Comeback. Ihr geheimes Erkennungszeichen, die Zahl 23, soll sich bei genauem Hinsehen an jeder Ecke finden.

Über solche Weltherrschafts-Szenarien mag man ebenso wie über neumodische Kornkreis-Erforschungen von Ufologen noch schmunzeln. Ernsthaftere Sorgen macht der deutschen Justiz dagegen das Webangebot von Sekten und Radikalen, die im Netz mit Verschwörungsvorstellungen und Tatsachenverdrehungen dem Antisemitismus Vorschub leisten. In Deutschland seien Volksverhetzung und die Beleidigung eines religiösen Bekenntnisses zwar strafbar, sagt der Rechtsanwalt Stephan Ackermann aus Rostock. Oft sei durch die Justiz aber nicht viel dagegen auszurichten. Viele rechtsextreme Angebote würden auf Servern in den USA betrieben -- dort gelten derartige Inhalte als freie Meinungsäußerung. Abrufbar sind diese Seiten natürlich weltweit.

Die meisten Verschwörungstheorien im Web seien aber harmlos, meint Soziologe Krysmanski. Von den Cyber-Propheten fern halten müsse man sich nicht, im Gegenteil: Das Lesen der modernen Legenden sei unterhaltsam -- solange man ihnen keinen Glauben schenkt. (Tobias Schormann, dpa)

Nach: http://www.heise.de/newsticker/meld... am 19.Januar 05

Externe Links

http://www.heise.de/newsticker/meldung/55288

Views: 1599