. Zurück C E N A P

30.11.2003


    
Wilhelm M. Meyer: »Bewohnte Welten«

Ein Stück Historie ist vielleicht etwas für Sie als Weihnachtslektüre!

Nachdruck der 1909 erschienenen Erstausgabe im Neusatz, herausgegeben von Dieter von Reeken. Lüneburg, Dieter von Reeken, Book on Demand, 2003. ISBN 3-8334-0284-9. Paperback, 13,5 x 21,5 cm, 111 S., 25 Abb. und 3 Reproduktionen, 9,90 Euro. Versandkostenfrei innerhalb Deutschlands erhältlich bei Dieter von Reeken, Brüder-Grimm-Straße 10, 21337 Lüneburg, E-Mail [email protected]

In seinem Spätwerk "Bewohnte Welten" ging Meyer der Frage nach anderen bewohnten Himmelskörpern systematisch nach, indem er die Bedingungen nach dem damaligen Erkenntnisstand (so war etwa der Planet Pluto noch nicht entdeckt und Einsteins Relativitätstheorie noch im Werden begriffen) zu umgrenzen versuchte, unter denen auf der Erde das Leben noch möglich ist. Hierbei kamen ihm die Beobachtungen und Erfahrungen zu Gute, die er auf seinen vielen Reisen (u. a. auch nach Amerika) machen konnte. Danach untersuchte er andere Himmelskörper nach wenigstens teilweise vorhandenen das Leben ermöglichenden Bedingungen um sich schließlich der Frage zuzuwenden, ob denn auch überall da, wo die rein physikalischen Bedingungen des Lebens anzutreffen sind, auch Leben aufkeimen und sich entwickeln muss. Hierbei kommt Meyer - insbesondere in Bezug auf den Mars - zu einem insgesamt vorsichtig-optimistischen positiven Ergebnis.

Die frühe populärwissenschaftliche Schrift über die Wahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens, Ende im Verlag von Theodor Thomas in Leipzig (Geschäftsstelle der Deutschen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft) erschienen, ist heute, außer in Staats- oder Universitätsbibliotheken, nur noch antiquarisch erhältlich. Abgesehen von der altersbedingten Seltenheit der erschwert inzwischen auch der in der für weite Kreise nicht oder nur mit Mühe lesbare in Frakturschrift gesetzte Text den Zugang zum Werk. Durch den vorliegenden Nachdruck im Neusatz in moderner Garamond-Schrift soll diese zweifache Kluft überbrückt und das Werk wieder allgemein zugänglich gemacht werden. Der Text selbst bleibt, auch hinsichtlich der Rechtschreibung, unangetastet und ist damit zitierfähig.

Max Wilhelm Meyer wurde am 15. Februar 1853 in Braunschweig geboren. Nach dem Studium der Astronomie ab 1871 in Göttingen und Leipzig promovierte er 1875 an der Universität Zürich. Von 1877 bis 1882 arbeitete er als Assistent an der Genfer Sternwarte, ging 1883 nach Wien und 1885 nach Berlin, wo er von 1888 bis 1897 Direktor der "Urania" war und die Zeitschrift "Himmel und Erde" herausgab. Nach Spannungen zwischen ihm und dem Astronomen Wilhelm Foerster innerhalb der "Urania" verlor Meyer seine Stellung als Direktor. Er verließ bald darauf Berlin und lebte seitdem auf Capri und in Zürich. In dieser Zeit entstanden neben zahlreichen anderen Schriften seine großen Werke "Das Weltgebäude" (1898), "Der Untergang der Erde" (1902), "Die Naturkräfte" (1903) und schließlich das vorliegende Werk "Bewohnte Welten" (1909). In seiner Jugendzeit hatte Meyer die Absicht, Dichter zu werden. Er schrieb Gedichte, Novellen und Theaterstücke. Sein Schöpfungsdrama "Bis ans Ende der Welt" wurde auf vielen deutschen Bühnen aufgeführt. Dr. Wilhelm M.Meyer starb am 17. Dezember 1910 im Alter von nur 57 Jahren in Untermais bei Meran.

Hinweis: Es ist beabsichtigt, auch weitere ältere Schriften zum gleichen Thema heraus zu geben, z.B. Camille Flammarion: »Die Mehrheit bewohnter Welten« (dt. 1865) und Joseph Pohle: »Die Sternenwelten und ihre Bewohner« (EA 2 Bde., 1884/85). Auf diese Veröffentlichungen warte ich nach der Lektüre des aktuellen Bandes geradezu gespannt! Dieter von Reeken, Brüder-Grimm-Straße 10, D-21337 Lüneburg, Telefon 0 4131 - 5 94 66. E-Mail: [email protected], Homepage: http://www.dieter-von-reeken.de

Inzwischen habe ich jenseits des obigen PR-Textes mich des Büchleins angenommen und muss sagen: Ich bin sehr begeistert davon.

Meyer war der erste Direktor der Berliner Urania und stellte sich damals schon die Frage nach Alien-Life-Forms - und wie man in seinem Bändlein sieht, war dies damals vor 100 Jahren gar nicht mal so unpopulär in der wissenschaftlichen Welt gewesen. In recht optimistischer Art und Weise berichtete er damals im Verlag Theodor Thomas (Leipzig) von seinen Vorstellungen - immerhin für die Deutsche Naturwissenschaftliche Gesellschaft! Und - ohne dabei (wie in jener Zeit durchaus üblich!) auf irgendwelche seltsamen Himmelsphänomene über der Erde Rückgriff zu nehmen. Was alleine schon bemerkenswert ist, wenn man heute diese Verlinkung zwischen "Aliens" und UFOs sieht. Einige Bilder in dem Buch schauen heutzutage aus wie solche aus SF-Gemälden über andere Lebenswelten. Meyer verfocht geradezu damals die Idee von anderem Leben auf anderen solaren Planetenkörpern. Bereits existierente Romane (hier "geistreiche Romane" genannt), heute würde man SF-Romane zu ihnen sagen, wie des "wohlvertrauten Philosophen" Kurd Lasswitz mit »Auf zwei Planeten« mit marsianischen Erderoberern in "Raumschiffen" (ja, der Begriff wurde da schon verwendet!) wurden hier schon als Ausgangsbasis genommen. Und Lasswitz Roman wird sogar ´hochgeredet´: "Die Möglichkeit dazu wird wissenschaftlich durchaus wahrscheinlich gemacht." Sie mögen es vielleicht kaum glauben, dennoch - es war genau so! Man muss also ganz scharf die "geistige Vor-Untertassen-Ära" im Auge behalten, wenn man das Thema wirklich erörtern will. Das Futter wurde also längst schon ausgetreut, noch ehe die UFOlogen mit ihren Vorstellungen daher kamen! Neu war nur das Synonym der Untertassen um sie als Besucher-Flugobjekte von den bewohnten Welten auszugeben, auch wenn dies ein bißerl ´altbacken´ ist - so neokonformistisch sich die UFO-Fans auch geben.

Es ist schon bemerkenswert wie man damals dachte. Sie werden es kaum glauben. Und Meyer schrieb schon ´metaphorisch´ auf S.13 das nieder, was sein Büchlein beseelt: "Und sollte es auch wirklich unmöglich sein, körperlich die Erde jemals zu verlassen, so sind doch dem Geiste keine derartigen Schranken gesetzt." Ich fürchtete, dass dies genau das geheime Seelenleben nicht weniger heutiger UFOlogen ausmacht... Die Weitsicht des Herrn Meyer muss sogar ein japanischer Autohersteller erreicht haben, als er vor 100 Jahren niederschrieb: "Alles ist möglich, man kann es nicht leugen" - und zwar in Bezug auf Leben z.B. auf dem MOND und dem MARS sowie VENUS. Und es ist so als wenn Meyer damals, streng wissenschaftlich versteht sich (jedenfalls unter dem damaligen Zeitgeist), die UFO-Kontaktler-Philosophen der Neuzeit vorwegplante und spekulierte, was wir Menschen z.B. alles von uns überlegenen Marsmenschen erfahren könnten, die uns in ihrer Entwicklung "Millionen von Jahren voraus" seien. Mit einem Schlag könnten sie uns mit ihrer Technik von unseren irdischen Problemen befreien, so Meyer 50 Jahre BEVOR ein Adamski das kosmische Engelsglück in den Untertassen, jener Weltraum-Zeitalter-Ikone, mittels UFOlogie herbeiredete und eine ganze Gemeinschaft so tat, als sei dies alles besonders originell - es war ganz im Gegenteil schon verstaubt, auch wenn die Bewegung so machte als sei dies der letzte Schrei des Universums und man müsse mit den "revolutionären Vorstellungen" der Kontaktler gerade auch die Wissenschaft umwälzen. Wie Sie sehen, ist dies Unfug.

Meyer beschäftigte sich bereits mit der Frage, ob man im Kosmos Leben wie wir es kennen zu erwarten hat und es gibt deswegen weitaus mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als wir uns mit unserer Schulweisheit kennen - und mehr als wir uns erträumen können. Aber er gesteht auch ein, dass dies was er sich da vorstellte mit viel zu vielen WENN`s besetzt ist und daher auch seine Vorstellungen keine letztlichen Antworten waren. Ganz klare Antworten konnten seiner Ansicht nach nur die Spiritisten "und ähnliche Sekten" abgeben, "die ja auch Recht haben können". Was alleine schon erstaunlich ist. Und er wollte sich mit solchen Leuten auch keineswegs auf einen Streit einlassen, da es schließlich um "Glaubensachen" ginge. "Der Wissenschaftler ist nicht irreligiös und darf auch nicht gläubig sein. Er steht als solcher außerhalb. Er darf an nichts glauben, was er nicht beweisen kann, oder doch höchstens einen Ausflug in das luftige Reich der oft genug pfadfindenden Hypothese machen, aber immer nur vom festen Grund und Boden des sicheren Wissens aus", wurde auf S.61 zur Beachtung aufgerufen und dieser Satz hat natürlich nach wie für Gültigkeit.

Es ist verblüffend, welche wissenschaftlichen Ideen man vor 100 Jahren zwecks unseren Brüdern im All mit sich herumtrug. Und irgendwie erinnert mich dies alles nicht wenig an die Hoffnungen der heutigen "ufologischen Frontkämpfer" die sich missverstanden fühlen oder nicht anerkannt - und darauf hoffen, dass die vergehende Zeit ihnen in die Hände spielen werde um zu zeigen, wie Recht sie hatten. Aber ich fürchte, dass dies genauso in die Hose geht, wie ehemals die blühenden wissenschaftlichen Vorstellungswelten. Meyer zu unserem Mond: Er sei hauptsächlich mit Eis überzogen, von dem ein Teil in der Tageshitze schmilzt. "Das Wasser rinnt dann in die Kraterböden und erzeugt dort eine Dunstschicht, die dem Leben wohl dienlich sein könnte. In der Nacht schlägt sich das Wasser als Reif wieder auf den Gebirgshöhen nieder... Es ist physikalisch durchaus denkbar, dass in den Ringgebirgen des Mondes ungefähr die selben Lebensbedingungen herrschen, wie bei uns im Hochgebirge und dass sich hier Almwiesen breiten, wie am Fuße unserer Geltscher." Kein Wunder, wenn Adamski dort ein bepelztes Wesen über die Krater rennen sah... Blumig kommt uns Meyer auch noch: "Wir könnten uns also in den Kraterböden auf dem Monde sechsmal so große Blumen wie auf den Almwiesen vorstellen und sechsmal größere Schmetterlinge oder Käfer und Ameisen." Jeder Horror-Film könnte sich daraus bestens bedienen, naja bei den Ameisen hat man es ja schon getan. Und Meyer kommt schier schon grenzwissenschaftlich-anomalistisch daher: Dies alles sei "auf der Grundlage einer bloßen wissenschaftlich zu erhärtenden Möglichkeit erlaubt, ein Fantasiegebilde von dem Leben auf dem Monde aufzubauen, so könnten wir uns auf ihm eine Natur denken, in der die Welt der genügsamen Insekten wieder in ganz anderer Weise wie auf der Venus zu ungewöhnlicher Entfaltung gekommen ist". Und ähnlich wie die UFOlogen argumentiert auch Meyer: Frühere Vorstellungen seien falsch, und man müsse neue Wege im Denken gehen. Vor jenen Tagen dachte man, dass der Mond tot sei, "aber dies kann keinen Stich mehr machen" würde man heutzutage sagen. Leben auf dem Mond gehörte 1909 nicht mehr zu den "absoluten Unmöglichkeiten" und jegliche Wahrscheinlichkeit spreche dagegen. Andererseits erfuhr ich hier auch, dass man noch mal 100 Jahre zuvor glaubte auf dem Mond "ungeheure Festungsbauten" und andere Gebilde zu sehen, aber die hatten sich bis 1909 dann als "natürliche Bodengestaltungen erwiesen". Das "Marsgesicht" läßt grüßen.

Meyer zur Venus: Hier nahm er an, dass die Schwester der Erde ein Leben beherbergt, "wie es die Erde etwa zur Zeit der Steinkohlenperiode gesehen hat" - in feuchter Treibhaus-Temperatur im Halbdunkel einer fast beständig mit dichten Wolken bedeckten und mit Kohlesäure erfüllten Atmosphäre wuchere dort "ein üppiger Urwald von Riesenunkraut aus sumpfigem Boden". Ansonsten sei alles weitere zwecks etwaigen Leben dort auf eine Reihe von Wenn und Aber beschränkt. Meyer zum Lieblingsobjekt Mars, der im Herbst 1909 gerade in einer bevorzugten Opposition zur Erde stand und für die bei Meyer "die Frage der Bewohnbarkeit gegenwärtig am lebhaftestes erörtert wird". Gerade auch weil Lowell, der eifrigste und erfolgreichste Beobachter des Mars in neurer Zeit, das Vorhandensein von Wasserdampf und Sauerstoff dort oben "nach spektroskopischen Untersuchungen" für erwiesen meldete! Sonach musste also der Rote Planet eine ausreichende Temperatur, sowie auch Luft und Wasser besitzen. Die optischen Beobachtungen wiesen auf Kontinente und Meere hin, wenn auch sehr seichte. Auf jeden Fall gab es Wassermangel dort und dadurch war auch klar, weshalb es einen Fehlen von Wolken über dem Mars verzeichnet wurde. Die Wüstennatur des Planeten war außer Frage und die "Kanäle" von Schiaparelli machten daher damals Sinn (wenn sie auch ein Stolperstein waren)! Meyer auf S.95: "Überblickt man dieses Netzwerk von Verbindungslinien, wie es die Karte zeigt, so kann man sich kaum der Überzeugung erwehren, dass sie von intelligenten Wesen geschaffen seien, um Zwecken eines ausgedehnten Verkehrs zu dienen." Der Mann weiter, und dies erinnert einmal mehr strak stark an die ufologischen Argumente: "Es gibt heute noch Astronomen, die überhaupt die Kanäle des Mars für Augentäuschungen erklären... Aber die Stimmen selbst der kritischsten Beobachter mehren sich für das zweifellose Vorhandensein wenigstens einer ganzen Reihe dieser Gebilde derart, dass man schlechterdings den völligen Negieren nicht mehr folgen kann." Ja, damals war dies wissenschaftliche Meinung! Die ufologischen Ideenwelten dagegen sind in diesen Tagen keine, aber sie kommen gelegentlich in dieser Reihung und mit dem gleichen Selbstverständnis daher! Das "imposante Verkehrsnetz der Kanäle" existierte trotzdem nicht und war eine optische Täuschung - die "Negierer" hatten Recht und hatten trotzdem gewonnen, auch wenn man sie selbst in die wissenschaftliche Ecke damals stellte.

Externe Links

http://www.dieter-von-reeken.de

Views: 1859