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19.01.2005


    
Aufmarsch der Seelenfänger

Wie rechte Christen, Islamisten, Sekten und Rechtsextremisten versuchen, die Flutkatastrophe in ihrem Sinn zu deuten

Aufmarsch der Seelenfänger

Wie rechte Christen, Islamisten, Sekten und Rechtsextremisten versuchen, die Flutkatastrophe in ihrem Sinn zu deuten

Von Carsten Hübner

Der evangelische Theologe Peter Beyerhaus hat seine ganz eigene Sicht auf die verheerende Flutwelle in Südasien. Ohne den Willen Gottes, da war sich der emeritierte Professor in seiner Neujahrspredigt vor der Kirchgemeinde im baden-württembergischen Stockach sicher, könne kein Unheil über die Welt hereinbrechen. Naturkatastrophen wie Erdbeben und Vulkanausbrüche seien deshalb auch keine zufälligen Ereignisse, sondern müssten als Medien verstanden werden, »durch die der Herr seinen Ruf an eine trotzige und hörunfähige Menschheit« ergehen lasse. Gott nutze sie »als Vollzugsorgane seiner Strafgerichte über eine unbußfertige Menschheit«. Der Vorsitzende des rechtskonservativen Theologischen Konvents Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands ist dennoch hoffnungsvoll. Bestehe doch die Chance, dass in den verwüsteten Ländern jetzt »eine Tür für die von tätiger Liebe getragene Verkündung des Evangeliums aufgeht«.

Für Andreas Fincke, Referent für christliche Sondergemeinschaften der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, sind solche Positionen eine klare Kompetenzüberschreitung. Wer so tue, als wisse er genau, warum etwas passiert sei, kritisiert Fincke gegenüber Neues Deutschland, »maßt sich eine Rolle an, die ihm nicht zusteht«.

›Reinigung der Herzen‹

Fincke lehnt entschieden den Versuch ab, den Opfern die Schuld für ihr Unglück zu geben. Aus seiner Sicht repräsentierten Ansichten wie die von Beyerhaus den Wunsch, immer klar ausmachen zu können, »wo das Böse sitzt«. Schon nach dem 11. September 2001 habe es eine große Zahl bizarrer Deutungen gegeben. Dennoch müsse er feststellen, so Fincke, dass es allgemein einen Trend zu religiösen Randgruppen gebe.

Bemerkenswerte Stellungnahmen zur Flutkatastrophe gibt es auch von konservativen Strömungen im Islam – etwa vom Team des »Muslim Markt«, des größten deutschsprachigen Internetportals für Moslems. Der »Tsunami voller Hoffnung«, so hieß es am 30. Dezember 2004, sei eine »Flutwelle für die Seelen der Menschen« gewesen. »Die durch eine extreme materielle Unterwerfung verdunkelten Herzen können durch diese Flutwelle gereinigt werden.« Wer die Zeichen der Zeit jedoch verkenne, dessen Seele sei »bereits jetzt am Ertrinken«. Yavuz Özoguz, Gründer des »Muslim-Marktes«, ist unter anderem Autor des Buches »Wir sind fundamentalistische Islamisten in Deutschland«. Im Januar 2004 wurde er wegen Volksverhetzung vom Amtsgericht Delmenhorst zu einer dreimonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Für Reingard Stein, zuständige Referentin in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, ist deutlich erkennbar, »dass ähnlich wie beim 11. September verstärkt Gruppierungen missionarisch tätig sind, die die Probleme der Menschen in Bezug auf Sinn- und Existenzfragen schamlos ausnutzen«. Darauf deute nicht zuletzt die anhaltend hohe Zahl von Anfragen an ihr Fachreferat hin.

Gegenüber ND verweist sie dabei vor allem auf die Aktivitäten »so genannter Sekten und Psychogruppen« wie Scientology. Die Organisation sei mit rund 300 ehrenamtlichen Geistlichen in der Krisenregion tätig, darunter etwa 20 Personen aus Deutschland. Im indonesischen Banda Aceh betreibe Scientology beispielsweise ein »Trauma-Behandlungszentrum«. In der Bundesrepublik wird Scientology seit mehreren Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet.

Neben Scientology versuchen sich auch Sekten wie die Kryonschule aus Rosenheim in der Interpretation des Tsunami. Aus ihrer Sicht gab es im Katastrophengeschehen eine Identität des Gottes- und des Opferwillens. »Stell Dir vor, wenn du die Bilder des Schreckens siehst«, heißt es in einem »Channelling« ihres Mediums Melek Metatron vom 29. Dezember 2004, »dass diese Seelen zugestimmt haben, zu gehen und somit ihren Auftrag erfüllen.« Manche Seelen seien »nur zu diesem einen Zweck inkarniert«. Keinesfalls solle versucht werden, »das Kommende abzuhalten« – denn zwei weitere Phasen der Reinigung stünden noch bevor.

Legende vom Atomtest

Ähnlich argumentiert die Würzburger Sekte »Universelles Leben«, der bis zu 5000 Anhänger zugerechnet werden. Schon in mehreren Prophezeiungen habe Gott durch die Prophetin Gabriele Wittek mitteilen lassen, dass die weltweite Apokalypse bereits im Gange sei. Ganze Kontinente gerieten ins Schwanken, schließlich knicke die Erdachse. Rettung sei nur durch ein Ende der Naturzerstörung und des Verzehrs von Tieren möglich. Ansonsten drohten weitere Katastrophen, Seuchen und »dass die Wasser viele Teile der Erde reinigen«.

Die kleine Szene der rechtsextremen Ufologen hat für die Flutwelle eine völlig andere Erklärung parat. Die USA hätten bei einem Angriff von Spezialeinheiten eine neuartige Atombombe gezündet, um einen im Meer liegenden Stützpunkt der »RD´s« – der Reichsdeutschen – zu zerstören. Als Beleg für ihre Theorie führen sie unter anderem die Behauptung an, rund 40000 israelische Touristen seien rechtzeitig evakuiert und gefährdete US-Amerikaner Detonation gewarnt worden. Nach Ansicht der Rechts-Ufologen tobt seit 1945 ein Geheimkrieg, dem die nach Neuschwabenland in der Antarktis geflohenen Nazis aber erfolgreich standhielten – unter anderem dank unterirdischer Stationen und Ufos.

Beruhigender klingen da schon Meldungen aus Indien, über die das »Centrale Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene« in Mannheim informiert. Basierend auf einem Artikel der Zeitung »India Daily« vom 6. Januar, es gäbe bereits seit Jahren Kontakte zwischen der Regierung und Außerirdischen – man wisse nur noch nicht, wie man das den Erdenbewohnern möglichst schonend beibringen solle –, seien Gerüchte im Umlauf, über dem Himalaya seien in den Tagen vor dem Seebeben verstärkt Ufos gesichtet worden. Ihre große Zahl und ihr Flugverhalten, so vermeintliche Augenzeugen, ließen vermuten, sie hätten vor einer Katastrophe warnen wollen.

Quelle: "Neues Deutschland", 19.Januar 05


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