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29.04.2000


    
Die Okkult-Ecke zur Walpurgisnacht (30.April)

Hexen, eine Betrachtung von Gerald Hofmann

Was sind Hexen? Nach offizieller Definition der Kirche und nach altem Aberglauben sind dies Personen beiderlei Geschlechts denen Teufelsbündnis und -buhlschaft, Schadenzauber, Tierverwandlung und Luftflug zugeschrieben werden, ebenso Teilnahme am Hexensabbat auf dem Blocksberg. In Wirklichkeit waren dies aber, zumindest in der Anfangszeit der Hexenverfolgung, meist kräuterheilkundige Frauen die durch Überlieferungen und erworbenes Wissen Kenntnisse in der Gesundheits- und Körperpflege sowie der Tierheilkunde besaßen. Auf dem Höhepunkt der Verfolgungen war jeder der Hexerei verdächtig, der geringfügig von der Norm abwich (z. B. durch erfolgreichere Geschäfte den Neid seiner Konkurrenten hervorrief).

Wie war das mit der Hexenverfolgung? Im Früh- und Hochmittelalter war die Zauberei grundsätzlich straflos, wenn sie nicht zum Nachteil der Menschen eingesetzt wurde. Erst die Vorstellung eines Teufelspaktes zu diesem Zweck, die auf das 13. Jahrhundert zurückgeht, führte schließlich dazu, daþ auch die Zauberei genauso wie die Ketzerei als Beleidigung der göttlichen Majestät galt und ebenso verfolgt wurde. In Frankreich und Italien setzte die Verfolgung von Hexen schon sehr frühzeitig ein. In Deutschland begann dies erst durch die berüchtigte Bulle des Papstes Innozenz VIII. vom 4. Dezember 1484 in der dieser das Aufspüren von Hexen in Deutschland befahl. Der mit dieser Aufgabe beauftragte Inquisitor Heinrich Institoris verfaßte den sogenannten "Hexenhammer", der 1489 gedruckt wurde. Er verwandte dabei die Hexenlehren älterer Autoren und systematisierte diese. Zur Hexenverfolgung kam es besonders im Süden Deutschlands erstmals zwischen 1455 und 1485 wobei die geistliche Gerichtsbarkeit vorpreschte und die weltliche sich zurückhielt. Erst die Bamberger Halsgerichtsordnung von 1507 und die auf ihr basierende kaiserliche Halsgerichtsordnung von 1532 erkannten den Teufelspakt ausdrücklich als Verbrechen an. Zum Höhepunkt der uns heute bekannten "Hexenprozesse" kam es aber erst nachdem um 1560 eine Zwischeneiszeit, die sogenannte "Kleine Eiszeit" einsetzte und die Erträge der Felder und der Weinberge drastisch zurückgingen und das Krisenbewußtsein der Bevölkerung wuchs.

Wie lief so ein Hexenprozeß ab? Im Normalfall lag eine Anzeige vor, so z. B. von Nachbarn oder sogar eigenen Familienangehörigen, die als Grundlage des Prozesses diente. Der oder die Beschuldigte wurden verhaftet und befragt. Dazu diente das sogenannte "hochnotpeinliche Verhör" was nichts anderes als die Folter war. Hierbei gab es zwei Möglichkeiten: Entweder der Beschuldigte gestand sein Verbrechen, dann wurde er verurteilt und verbrannt oder er gestand nicht, dann starb er meist unter der Folter. Es sind auch einige wenige Freisprüche bekannt, allerdings nur wenn ein weltliches Gericht die Federf¸hrung hatte und ein mutiger Richter diesem vorsaþ. In den allermeisten Fällen hatte die einmal der Hexerei Beschuldigten keine Chance mehr. Daher eignete sich diese Anschuldigung vorzüglich dazu, unliebsame Konkurrenz, Erben, Familienmitglieder usw. auszuschalten.

Verfügten nicht vielleicht doch einige "Hexen" über magische Kräfte? Die "echte" Hexe, also die Frau, die sich besonders auf die Kräuterheilkunde und die verwandten Gebiete wie Gesundheits- und Körperpflege verstand, hatte normalerweise auch Wissen über gewisse psychologische Zusammenhänge. So benutzte sie bewußt die halluzinogene Wirkung bestimmter Pflanzenextrakte (wie der hochgiftigen Tollkirsche) um Schmerzen zu stillen oder den Heilungsprozeß zu aktivieren. Auch zur Entspannung wurden diese Wirkstoffe an sich selbst angewandt. So konnten sich die "Hexen" mit einer Salbe, der sogenannten "Flugsalbe", selbst auf einen "Trip" schicken, wobei sie, ähnlich wie bei Marihuana oder LSD in der heutigen Zeit, den Eindruck hatten, durch die Luft zu fliegen. Rezepte, die erhalten geblieben sind, wurden von Forschern im 19. Jahrhundert im Selbstversuch getestet und in vollem Umfang bestätigt. Auch beeindruckte das Wissen der "Hexen" die damaligen Zeitgenossen, denn im Hoch- und Spätmittelalter ging man immer noch davon aus, daß Krankheiten als Strafe Gottes zu den Menschen gesandt wurden und das diese von bösen Geistern oder "unreinem Atem der Erde" verursacht wurden und daher die gängigen Behandlungsmethoden auþer Bittgebeten und Beichten der Aderlaß und das Ausräuchern der Behausungen war. Schmerzen wurden durch Konsum von Wein und Bier (welche allerdings einen wesentlich geringeren Alkoholgehalt hatten als heute) gelindert. Man darf auch nicht vergessen, daß die Menschen damals unter lebenslangen Schmerzen litten, da z. B. die Zähne bereits im Kindesalter zu faulen begannen (Zähneputzen war unbekannt) und durch die daraus folgenden Vereiterungen auch der Kieferknochen angegriffen wurde. Wie muß auf die Menschen damals eine Frau mit makellosem Gebiß gewirkt haben? Die mußte doch garantiert mit dem Teufel im Bunde sein.

Im Zusammenhang mit Hexen und Zauberei taucht oft der Begriff "Alraune" auf. Was ist das? Der korrekterweise Alraun genannte Wurzelstock der Mandragora, eines giftigen Nachtschattengewächses aus dem Mittelmeerraum hat fast menschenähnliche Gestalt und gilt in der alten Zauberlehre als Glücksbringer oder auch als Liebesmittel. Er taucht mehr in der französischen und italienischen "Zauberei" auf und hat nicht nur durch den menschenähnlichen Wurzelwuchs beeindruckt. Die Giftstoffe der Pflanze enthalten auch Halluzinogene, die Wahnvorstellungen hervorrufen. Sicher waren diese Wurzeln auch Bestandteile der "Hexenmedizin", denn wie schon Paracelsus wußte: "Die Dosis macht´s". Bei uns kommen diese Wurzeln hauptsächlich im Zusammenhang mit den mittelalterlichen Richtplätzen vor, da sie angeblich unter den Galgen wachsen würden und eine Vielzahl von Eigenschaften besäßen, wobei der "Liebeszauber" im Vordergrund stand.

Gibt es heute noch Hexen? Im Prinzip ja. Es gibt noch eine Organisation von Frauen, die sich selbst als "weiße", also gute, Hexen bezeichnen und sich vor allem um das Andenken der mittelalterlichen Hexen kümmern und auch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung betreiben. Viele "Hexen" tauchen allerdings in der Eso-Szene auf und versuchen, mit diesem "Titel" neue Kundschaft zu werben. Hier geht es allerdings ausschlieþlich um Geld. Ähnlich den Eso-Versendern, welche die bereits oben angesprochene "Flugsalbe" im Programm haben und zu horrenden Preisen verhökern. Diese eignet sich vorzüglich zu Einreibungen bei "Hexenschuß" oder Muskelkater, hat aber mit der Flugsalbe der Hexen absolut nichts zu tun.


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