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07.04.2000

    
Der Himmel brennt, Teil I

Nordlicht sorgt für Aufregung in Deutschland

Zum Sonnenuntergang des Donnerstag, den 6.April 2000, war am Westhimmel wieder einmal ein spektakuläres Schauspiel angesagt: Ab 20:30 h tauchte die feine Mondsichel ca eineinhalb Handspangen über der untergehenden Sonne auf und wurde an ihrem rechten Rand von gleich drei Planeten begleitet - Jupiter und Mars bildeten ein Pärchen und oberhalb angesagt befand sich der Saturn. Dies erinnerte irgendwie an die Ereignisse einer ähnlichen Erscheinung, die am 23.Februar 1999 weltweit für UFO-Alarm gesorgt hatte. Dementsprechend verschickte ich am Dienstag eine Pressemitteilung namens "UFO-Scheinwerfer am Himmel?" um vorab auf diese Erscheinung aufklärend ob ihrer Natur hinzuweisen, auch wenn das Wetter in den Tagen zuvor schlecht und bewölkt war - aber der Himmel riß bundesweit ab Mittag auf und das Schauspiel konnte genossen werden.

Am Freitag, den 7.April 2000, nun war ich überrascht worden, weil nicht dieses Himmelsschauspiel für Aufregung gesorgt hatte, sondern eines der selten bei uns sichtbaren Nordlichter! So berichtete der RTL-Videotext: "Feuerzauber über Deutschlands Himmel - Ein seltenes Naturschauspiel hat in der Nacht zum Freitag viele Menschen in Deutschland verunsichert. Von Flensburg bis Berchtesgaden war am Himmel rotes, blaues und grünes Leucht zu sehen. Menschen riefen bei der Polizei an, in Hof rückte die Feuerwehr zu einem vermeintlichen Brand aus." Der Sat1-Text berichtete: "Nordlicht irritierte die Bürger - Aufregung um eine rötlich schimmernde Wolke am Nachthimmel: Ein deutlich sichtbares Polarlicht hat landesweit Unruhe ausgelöst. In vielen Teilen Deutschlands erhielt die Polizei besorgte Anrufe, Bürger wähnten eine Giftsgaswolke am Nordhimmel. In Wessel (NRW) rückte sogar die Feuerwehr zum Schadstoffmessen aus. Besonders in Süd- und Mitteldeutschland war das rare Naturphänomen gut zu sehen. Wers verpasst hat: Nicht traurig sein, der Norden leuchtet noch ein paar Tage."

Zurückgegangen waren diese Beiträge auf Agenturmeldungen, von denen mir Josef Garcia vom Burda-Verlag eine Auswahl zur Verfügung stellte. So berichtete dpa, dass die am Rhein, auf Helgoland, in Flensburg, Augsburg oder Chemnitz gesehene Erscheinung keine "Giftgaswolke" war, sondern nur ein Polarlicht. Nach Angaben der Polizei waren die "Flammen" am wolkenlosen Himmel über weiten Teilen Deutschlands sichtbar. In Stuttgart gab es mehrere "Falschmeldungen über Brände", die deswegen bei Polizei und Feuerwehr aufliefen. Einige Leute meldeten auch hier, dass das Ereignis auf ein UFO zurückginge. Die Polizei nahm die Anrufe aber meist gelassen entgegen. Das Himmelsleuchten sei bereits in Fachzeitschriften angekündigt gewesen, erklärte ein Beamter in Würzburg, der nach eigenen Angaben Hobby-Astronom ist. Nur die Schweizer blieben cooler obwohl auch dort die Himmelserscheinung im ganzen Land zu sehen war - entweder waren sie alle zu später Stunde im Bett oder verfielen deswegen nicht in Aufregung, auf jeden Fall liefen bei den Polizeidienststellen in Zürich, Bern und Basel keine diesbezüglichen Anrufe ein. Der Meteorologe Stefan Kreibohm auf dem Hiddensee: "Beobachter berichteten von einem knallroten Himmel mit grünen Bändern und weißen bis gelben Farben." Das Naturschauspiel hatte eine ungewöhnlich große Ausstrahlung: Sogar aus Florida habe sich ein Beobachter bei ihm per E-mail gemeldet. Das ständig wechselnde Farbspektakel zwischen Gelb, Grün und intensivem Rot trat etwa in der Zeit von Mitternacht bis drei Uhr auf. An der deutsch-holländischen Grenze sah der Hobby-Astronom Joachim Biefang des Geschehen und beschrieb es so: "Ein knallroter Ring färbte den ganzen Himmel, darin standen senkrecht orangene Strahlen und darunter wölbte sich eine blau-grüne Glocke. Es war einfach atemberaubend." Nach Angaben des Astrophysikers Stephan Jordan von der Uni Kiel sind derartige Phänomene in Deutschland relativ selten: "Bei starken Sonneneruptionen treten erhöht sogenannte Sonnenwinde auf, die bei Eindringen in die Magnetschichten der äußeren Erdatmosphäre in verschiedenen Farben leuchten und zur Ionisation führen." Eine Wiederholgung des Schauspiels sei in der nächsten Zeit nicht ausgeschlossen. AP berichtete, dass die Sternwarte Bochum zahlreiche Anrufe erreichte und das Telefon geraume Zeit nicht mehr still stand, weil aus ganz Deutschland dort Berichte hierzu aufliefen. In Wesel machten sich sogar Polizisten auf zum Dach eines Hochhauses, um die Erscheinung besser sehen zu können, einer von ihnen: "Ich bin extra aufs Dach. So etwas sieht man bei uns schließlich nur ganz selten."

Tatsächlich brachte auch das RTL-Mittagsmagazin "Punkt 12" die Sache als Hauptaufmacher. Auch das ZDF-Magazin "Drehscheibe Deutschland" berichtete hiervon. RTL berichtete, das Tausende von Menschen aufgeregt die Polizei angerufen hatten, weil über Stunden hinweg der ansonsten tiefschwarze Himmel "blutrot gefärbt" war. Manche dachten an Außerirdische, andere fürchteten einen Großbrand oder an Giftgas. Augenzeugen: "Ich habe so ein farbiges Leuchten gesehen, ich war ganz aufgeregt und habe gleich die Polizei angerufen." - "Es war ganz bunt am Himmel und ich dachte da fliegen irgendwie UFOs rum." - "Ich machte ganz spontan einen Spaziergang und guckte hoch zum Himmel. Da dachte ich, ich spinne. Da war ein Leuchten, bestimmt schöner als die Sonnenfinsternis." Ein Sprecher der Polizei Heidelberg betonte, dass auch hier zahlreiche Leute anriefen und die Beamten plötzlich zu "Seelsorgern" wurde, weil die Menschen fürchteten, dass da vielleicht etwas bei der BASF in Ludwigshafen oder beim Atomkraftwerk Biblis passiert und eine Katastrophe ausgebrochen sei. Auch das ZDF berichtete und zeigte ebenfalls beeindruckende Aufnahmen dieses Geschehens. Hierbei legte man aber den Schwerpunkt auf das Nordlicht und seine wissenschaftliche Erklärung als solches.


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